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HerzZeit vs. HerzSutraein Koan



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Atemkristall



Das ist nun vielleicht wieder nicht die richtige Zeit, um einiges zu sagen, was sich schwer sagen lässt, aber es gibt ja die richtige Zeit nicht, sonst hätte ich es schon einmal über mich bringen müssen. Ich glaube wirklich, dass das grössere Unglück in Dir selbst ist.
(Ingeborg Bachmann)

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster,
sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.


(Paul Celan: Corona)

Geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei.
(Paul Celan)

Bruder-Klaus-Kapelle

Die Pāramitā der großen Weisheit

Wenn der Bodhisattva Avalokiteśvara
die tiefe Prajñāpāramitā praktiziert,
das andere Ufer
der großen intuitiven Weisheit erreicht,
sieht sein ganzer Körper deutlich,
dass die fünf Seinselemente
vollkommen leer sind.

Die fünf Seinselemente sind
Körper, Sinne,
Denken, Wirken
und Bewusstsein.
Sie sind die fünf Arten von Prajñā,
der intuitiven Weisheit.
»Deutlich sehen« ist Prajñā selbst.
Wenn diese Wahrheit gelehrt
und verwirklicht wird, sagen wir:
»Form ist nichts anderes als Leerheit
und Leerheit ist nichts anderes als Form.«

Form ist Form und Leerheit ist Leerheit.

Form und Leerheit offenbaren sich
in den hundert konkreten Dingen
und den zehntausend Phänomenen.


(Meditation über Dogens "Makahannya haramitsu", wRoo 10/2018)

 

Das Herz der vollkommenen Weisheit Sutra

Avalokitesvara Bodhisattva, in tiefste Weisheit versenkt,
erkannte, daß die fünf Skandhas
leer sind und verwandelte damit
alles Leid und allen Schmerz.

Sariputra!
Form ist nichts anderes als Leere,
und Leere ist nichts anderes als Form.
Form ist identisch mit Leere
und Leere ist identisch mit Form.

Und so ist es auch mit Empfindung,
Wahrnehmung, geistiger Formkraft
und Bewußtsein.

(Herz-Sutra)

Du - ganz, ganz wirklich. Ich - ganz Wahn.
(Paul Celan)

Herzzeit 2.0

leerHeit

Alle Dinge sind in Wahrheit leer.

Nichts entsteht und nichts vergeht.

Nichts ist unrein, nichts ist rein.

Nichts vermehrt sich
und nichts verringert sich.

Es gibt in der Leere keine Form,
keine Empfindung, keine Wahrnehmung,
keine geistige Formkraft
und kein Bewußtsein,
keine Augen, keine Ohren,
keine Nase, keine Zunge,
keinen Körper oder Geist;
es gibt nichts zu sehen,
hören, riechen,
schmecken, fühlen
oder denken,
keine Unwissenheit
und auch kein Ende der Unwissenheit,
kein Altern und keinen Tod,
noch deren Aufhebung,
kein Leiden und keine Ursache des Leidens,
kein Auslöschen und keinen Weg der Erlösung,
keine Erkenntnis und auch kein Erreichen.

(Herz-Sutra)

Kleinewiges



freiHeit

Weil es nichts zu erreichen gibt,
leben Bodhisattvas Prajna Paramita
und ihr Geist ist unbeschwert
und frei von Angst.

Befreit von allen Verwirrungen,
allen Träumen und Vorstellungen,
verwirklichen sie vollständiges Nirvana.

Alle Buddhas der Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft
leben Prajna Paramita
und erreichen damit die höchste Erleuchtung.

Erkenne deshalb,
daß Prajna Paramita das große Mantra ist,
das strahlende Mantra,
das unübertroffene Mantra,
das höchste Mantra,
das alles Leiden stillt.

Dies ist die Wahrheit,
die Wahrheit ohne Fehl.

(Herz-Sutra)

Gedichte sind ein Versuch, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, ein Versuch, Wirklichkeit zu gewinnen, Wirklichkeit sichtbar zu machen. Wirklichkeit ist für das Gedicht also keineswegs etwas Feststehendes, Vorgegebenes, sondern etwas in Frage Stehendes. Im Gedicht ereignet sich Wirkliches, trägt Wirklichkeit sich zu.
(Paul Celan)

Ich erwarte, dass Du Dir selbst hilfst.

Ich bin oft sehr bitter, wenn ich an Dich denke, und manchmal verzeihe ich mir nicht, dass ich Dich nicht hasse, für dieses Gedicht, diese Mordbeschuldigung, die Du geschrieben hast. Hat Dich je ein Mensch, den Du liebst, des Mordes beschuldigt, ein Unschuldiger? Ich hasse Dich nicht, das ist das Wahnsinnige, jedoch wenn je etwas gerad und gut werden soll: dann versuch auch hier anzufangen, mir zu antworten, nicht mit Antwort, sondern mit keiner schriftlichen, sondern im Gefühl, in der Tat. Ich warte darauf, wie auf einiges andre, keine Antwort, keine Entschuldigung, weil keine Entschuldigung ausreicht und ich sie auch nicht annehmen könnte. Ich erwarte, dass Du, [indem] Du mir hilfst, Dir selbst hilfst, Du Dir.
(Ingeborg Bachmann: Herzzeit. S. )

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